Mehr Schein als Sein

Bei dem Kaiserwetter, das wir am vergangenen Wochenende genießen durften, war ich nach langer Zeit wieder mal klettern. Ich packte meinen Rucksack und suchte mir eine schöne Buche in der heimischen Maaßel aus. Dass ich bei feinstem Sonnenschein und angenehmen 18 °C nicht allein sein würde, war klar. Es kamen einige Jogger, Radfahrer und Spaziergänger während meiner Kletteraktion an „meinem Baum“ vorbei. Die meisten grüßten kurz und warfen mir und meinem Equipment nur einen flüchtigen Blick zu. Ein Spaziergänger hielt jedoch an, zeigte etwas mehr Interesse und stellte mir die Frage, die ich schon sehr oft gehört habe. „Wie hast du denn das Seil da hoch gekriegt?“ Zu Scherzen aufgelegt antwortete ich ihm: „Na, ich bin hochgeklettert und habe es über die Astgabel gelegt.“ Selbstverständlich ließ ich den Herrn mit seinem ungläubigen Gesichtsausdruck nicht einfach so stehen und klärte ihn auf. Nachdem ich das Vorgehen dann erläutert hatte und er mir noch einige Minuten zusah, verabschiedete er sich und zog dann seines Weges.

Baumkletterern begegnet man im Wald nicht sehr häufig, da ist es nicht verwunderlich, dass diese das Interesse von anderen Waldbesuchern auf sich ziehen. Mir ging es vor einigen Jahren nicht anders, als ich zwei Baumpfleger bei ihrer Arbeit in luftiger Höhe bestaunt habe.

Beim Geocaching wird das Klettern (egal ob nun Baum, Brücke, Fels oder sonst irgendwas) häufig als Spezialdisziplin bezeichnet. Meistens mit der höchsten Geländewertung bedacht, benötigt man eine spezielle Ausrüstung, um an die Dose zu kommen. Für die Geocacher, die solche Herausforderungen angehen, wird mitunter auch der Begriff „T5-Veteran“ verwendet. Manche Kollegen verhalten sich auch so und heben ihre Nase wer weiß wie hoch in den Himmel. Wie oft liest man in Logbüchern sinngemäße Passgagen wie „…mit dem ersten Schuss getroffen…ich bin sehr stolz…das war heute mein x-hundertster T5“. Sind solche Hymnen des Eigenlobs angebracht bzw. gerechtfertigt?

Mir persönlich macht Klettern einfach Spaß. Es beginnt mit dem Seileinbau, und auch wenn ich den Ankerpunkt meistens nicht mit dem ersten Schuss treffe und oft fluche, weil mir etwas nicht gelingt, oder die Pilotschnur sich wieder einmal in ein Knäuel verwandelt, bin ich den vorbereitenden Handgriffen bisher noch nicht überdrüssig geworden. Weiterhin ist es immer wieder interessant, die Landschaft aus der Vogelperspektive zu überblicken, insbesondere bei schönem Wetter mit klarer Sicht. Doch welche Leistung steckt eigentlich dahinter, eine Kletterdose zu erreichen und zu loggen? Wie sportlich muss man sein, um 10 oder 20 Meter an einem Seil hochzuklettern?

Mal ehrlich liebe Mitkletterer, die allermeisten T5er wurden nicht von Kletterprofis sondern von Geocachern (also von Amateuren) gelegt. Die Kletterpartien, bei denen spezielle Fähigkeiten verlangt werden (z. B. Seilbahnbau, o.ä.), sind rar. In der Regel ist die Aufgabe recht einfach („hoch-loggen-runter“) und es sind außer ein wenig Praxis weder besondere sportliche noch technische Fähigkeiten erforderlich, um an einem Seil aufzusteigen. Möglich macht das die Entwicklung und der Vertrieb von HighTech-Hilfsmitteln der einschlägigen Hersteller von SKT- und Sportkletterausrüstung. Mit entsprechenden Klemmen, Schlingen und Sicherungsgeräten kann es nahezu jeder schaffen, sich ein paar Meter in die Vertikale zu begeben. Besondere Fähigkeiten braucht es jedenfalls nicht, einzig Höhenangst sollte man natürlich nicht haben.

Ich möchte mit diesem Artikel keineswegs die Gefahren, die es beim Klettern zweifelsfrei gibt, kleinreden (Grundregeln zum Baumklettern findet man z.B. hier). Ich möchte lediglich das Pfauengehabe, welches einige „Spezialisten“ manchmal an den Tag legen, etwas relativieren. Wenn Euch ein solcher Zeitgenosse mal wieder damit nervt, erinnert Ihr Euch vielleicht an diesen Beitrag und denkt Euch dann Euren Teil. T5-cachen ist jedenfalls in der Breite mehr Schein als Sein. Genießt den Frühling und habt viel Spaß in Wald und Flur.

 

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